Elternschaft

„Das macht man nicht“ – Wer ist eigentlich dieser „man“?

Elternschaft

Jede Mutter, jeder Vater, wahrscheinlich jeder Mensch, hat schon von ihm gehört. Er ist sehr bekannt und anscheinend sehr beliebt. Denn die meisten gehorchen seinen Anweisungen, obwohl sie ihn noch nie gesehen haben.
M A N.
Aber irgendwie ist er auch unbeliebt, weil er dieses komische Gefühl in uns hervorruft. Er sagt, wie wir Dinge tun sollen, obwohl unser Gefühl uns manchmal etwas anderes sagt. Er hat zu fast jedem Thema eine Meinung.
Sollen Kinder im eigenen Bett und im eigenen Zimmer schlafen?
Wann ist der richtige Zeitpunkt für mein Kind in den Kindergarten zu gehen?
Wie lange soll ich mein Kind stillen? Darf ich das Kind zum Einschlafen stillen? Und wie ist das mit dem Stillen in der Öffentlichkeit?
MAN weiß Bescheid!

MAN ändert mit der Zeit aber manchmal seine Meinung. In manchen Generationen sagt er, das der Schnuller besser ist, in anderen Generationen sagt er, dass es besser ist am Daumen zu nuckeln.
In anderen Ländern hat MAN teilweise ganz andere Meinungen. In Indien zum Beispiel findet MAN es in Ordnung, wenn die ganze Familie in einem Zimmer schläft. In Spanien dürfen auch 5jährige im Buggy sitzen.
MAN hat auch über Jungen und Mädchen unterschiedliche Meinungen. Wenn Jungen willensstark sind, findet MAN das wild und stark, wenn Mädchen willensstark sind, sind sie zickig. Wenn Mädchen vorsichtig und an ruhigen Beschäftigungen interessiert sind, findet MAN das sensibel und reif. Wenn Jungen so sind, sind sie ein Sensibelchen und verweichlicht.

Dieser MAN hat nicht nur einen diktatorischen Führungsstil, er hat auch viele Untertanen. Sie sehen aus wie du und ich. Wahrscheinlich warst du schonmal einer seiner Untertanen. Ich war es sicher schon mal. Zum Beispiel als ich der Mutter auf dem Spielplatz einen strafenden Blick dafür zugeworfen habe, dass sie ihr Kind jetzt nicht dazu zwingt das herumstehende Fahrrad an mein Kind auszuleihen.
MAN´s Untertanen haben nämlich den Auftrag Abweichungen von seinen Regeln mit Blicken, Sprüchen oder konfrontierendem Ansprechen zu verhindern.

MAN schreit nicht rum.
MAN entschuldigt sich.
MAN isst seinen Teller leer.
MAN teilt alle seine Spielsachen.
Und so wie so: Das macht MAN nicht.

Kann er ja gerne alles machen oder nicht machen. Aber uns soll er damit in Ruhe lassen. Das heißt auch nicht, dass MAN´s Regeln alle immer nur falsch sind. Aber so pauschal, als Regel für jedes Kind unabhängig von Charakter, Alter und Lebensumständen, schon.

Ich will nicht, dass meine Kinder, wenn sie erwachsen sind, unterwürfige Menschen ohne Fehler und ohne eigene Ideen sind. Ich will, dass sie mutig das tun, was ihnen wichtig ist und was sie gut können. Und ich hoffe, dass sie sich nicht zu sehr von dem was MAN sagt einengen lassen.
Aber wahrscheinlich werden meine Kinder keine selbstständigen, unabhängigen Erwachsenen, die zu ihren Standpunkten stehen, wenn sie sich als Kinder immer an die Regeln halten müssen, die MAN uns Eltern vorgegeben hat. Das sehen wir ja an uns selbst. Wir halten uns auch immer noch zu oft an das was MAN sagt. Wahrscheinlich haben unsere Eltern auch schon auf MAN gehört. Weil ihre Eltern es auch schon getan haben. Vielleicht haben wir deshalb vergessen, was WIR für richtig halten. Oder vielleicht wussten wir noch nie so richtig, was wir für richtig halten, weil danach noch nie gefragt wurde. Als wir Kinder waren und noch genau wussten was wir wollen und was nicht, da wurden wir darin nicht ernstgenommen und danach war es schon fast zu spät es wieder herauszufinden.

Aber wir können ja einfach jetzt damit anfangen. Vielleicht können wir es wieder hervor holen, wenn wir uns folgende Fragen stellen:
– Finde ich dieses Verhalten meines Kindes nur falsch, weil MAN es macht oder nicht macht?
– Wie habe ich mich als Kind gefühlt, wenn meine Eltern das, was ich jetzt mit meinen Kindern mache, gemacht haben?
– Wie wünsche ich mir, dass meine Kinder als Erwachsene sein werden?
– Tut das MEINEM Kind gut oder nicht? Tut es unserer Beziehung gut oder nicht?
– Wenn ich mit meiner Familie alleine auf einer Insel wohnen würde, wie würde ich dann jetzt auf dieses Verhalten reagieren?

Das Ziel ist natürlich nicht, dass am Ende jeder auf seiner eigenen einsamen Insel leben muss. Ich möchte, dass meine Kinder gemeinschaftsfähig sind. Aber gesellschaftsfähig müssen sie nicht werden. Ich finde nämlich manches in dieser Gesellschaft garnicht erstrebenswert.
Und wenn wir aufhören auf MAN´s Untertanen zu hören, dann haben wir auch wieder Kraft und Nerven uns für konstruktive Kritik an unserer Elternschaft zu öffnen. Von Leuten, die uns ohne Vorwürfe, sondern mit ihren Wahrnehmungen oder Erfahrungen spiegeln, wie sie unsere Art der Elternschaft empfinden. Im Gespräch miteinander. Nicht mit Sprüchen von weitem.

    2 Kommentare

  • Kathi 5. August 2017 Antworten

    Wow, toll geschrieben! Dieser MAN hängt einem immer im Hinterkopf, leider wird man (schon wieder) ihn aber schwer los. Dein Text bringt mich sehr zum Nachdenken, Danke dafür!

    Lg Kathi

  • […] Welt. Auf ihrem Blog geht es auch mal philosophisch zu und her, so hinterfragt sie wer eigentlich dieser “Man” sei, der überall so oft zitiert wird, z.B. in Sätzen wie: Man schreit nicht rum, man isst seinen […]

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