Elternschaft

Abtreibung

Im Bundesstaat New York wurde die Abtreibung bis zum Geburtstermin, unter bestimmten Umständen, legalisiert. Man macht sich heutzutage nicht besonders beliebt dabei, öffentlich zu sagen, dass man gegen Abtreibung ist. „Gegen“ etwas zu sein ist auch nie besonders zielführend. Die wirkliche Schwierigkeit bei der Meinungsäußerung ist aber, dass sich dadurch echte Menschen angesprochen fühlen. Menschen, die abgetrieben haben.

Nachdem ich als Teenager ein Referat zu den Methoden der Abtreibung gehalten hatte, sagte ich später zu einer Freundin: „Dann sollen die doch wenigstens ihre Kinder zur Adoption freigeben.“
Inzwischen war ich selber zweimal mit einem sowohl gewollten als auch geplanten Kind schwanger. Glücklich verheiratet und mit Familie und Freunden in der Umgebung. Keine der Schwangerschaften war ein Spaziergang. Ich fand es anstrengend, hatte Komplikationen, die Geburten waren beide kräftezehrend bis dramatisch. Jetzt sage ich diesen Satz mit der Adoption nicht mehr. Meine Bewunderung für jede Mutter, die ihr Kind austrägt obwohl sie weiß, dass sie es zur Adoption freigeben wird, ist sehr groß.

Die Christen der Vergangenheit haben durch ihre Demo´s und lautstarke Meinungsäußerung selten dazu beigetragen, dass Mütter sich ermutigt fühlen, ihr Kind auszutragen oder sogar zu behalten.

Gleichzeitig stelle ich in unserer heutigen Zeit fest, dass wir uns von einer großen Angst leiten lassen. Und zwar der Angst, dass sich jemand vor den Kopf gestoßen fühlen könnte. Sich angegriffen zu fühlen ist eine große Krankheit unserer Zeit. Und dadurch sind wir sogar bereit, unsere Überzeugungen für uns zu behalten oder anzupassen, um niemandem auf den Schlips zu treten.

Wisst ihr wie es möglich war, dass ein ganzes Land vor 80 Jahren akzeptiert hat, dass Menschen in Arbeitslager gezwungen und brutal getötet wurden? Indem die Nazis das Denken geprägt haben, dass diese Juden und Menschen mit Behinderung keine vollwertigen Menschen sind. Nur so war es erträglich, dass sie getötet wurden. Heute wird über Embryonen gesagt, dass sie Zellhaufen sind und kein Leben. Nur wenn man das glaubt, kann man es mit seinem Gewissen vereinbaren im ersten Trimester abzutreiben.

New York legalisiert die Abtreibung bis zum Geburtstermin und plötzlich wird bewusst, was Abtreibung ist. Das Töten eines Menschen. Eigentlich ist Abtreibung kurz vor dem Geburtstermin das Gleiche, wie Abtreibung im ersten Trimester.
Das Problem ist nicht, dass Abtreibung legalisiert wird. Das Problem ist, dass Abtreibungen durchgeführt werden. Weil Mütter hilflos sind. Weil Ärzte und Schwestern es mit ihrem Gewissen vereinbaren können.

Der Ort, der für den neu geformten Menschen als sicherster Schutzraum dienen sollte, wird zu seiner Gaszelle.

Kürzlich ist Tim mit 21 Jahren gestorben. Im Mutterleib wurde bei Tim Trisomie 21 diagnostiziert. Tim wurde abgetrieben. Er starb aber nicht. Nach seiner Geburt mit 690 Gramm ließen ihn die Schwestern und Ärzte 9 Stunden lang liegen, in der Hoffnung dass er stirbt. Ein zu früh geborenes Baby. 9 Stunden lang. Er starb auch dabei nicht und wurde dann zur Adoption freigegeben.

Ärzte sind bei Auffälligkeiten in der Pränataldiagnostik verpflichtet die Mutter auf Anormalitäten aufmerksam zu machen. Es gibt viele Fälle, in denen der Arzt sagen musste, dass ein geringes Risiko einer Krankheit besteht und die Kinder dann komplett gesund geboren wurden. Und selbst wenn nicht.

Vor einigen Jahren begleitete ich eine Beraterin in ihren Gesprächen mit schwangeren Frauen, die abtreiben wollten und die dafür verpflichtet waren eine Schwangerschaftskonfliktberatung in Anspruch zu nehmen. Hier erlebte ich weniger Frauen, die aus Hilflosigkeit abtreiben wollten als Frauen, die die Abtreibung als alternative Verhütungsmethode nutzten.

Ich las vor Kurzem von einer Schwangeren, die aufgrund der mangelnden Unterstützung im direkten Umfeld ihr Kind zur Adoption freigeben wollte. Es war finanziell schwierig und sie befürchtete aufgrund der Umstände ihr Kind nicht so lieben zu können wie ihr erstes, bereits geborenes Kind. Daraufhin schrieb ihr eine andere Mutter, dass sie selbst vor 10 Jahren in der gleichen Situation war und ihr Kind ebenfalls zur Adoption freigegeben hat. Das bereute sie, als sich ihre Umstände änderten. Sie versuchte ihr Kind zurück zu bekommen. Es wurde nicht erlaubt. Sie adoptierte selbst ein Kind. Diese Mutter versuchte die schwangere Frau voller Mitgefühl und Verständnis zu ermutigen, dass sie trotz ihrer aktuellen Situation Hoffnung behalten soll, dass sich ihre schwierigen Umstände ändern werden.

Neben den Fällen, in denen die Lebensplanung anders aussah oder die Umstände besonders schwierig sind, gibt es die dramatischen Fälle von Vergewaltigungen. Ein Kind auszutragen, dass man nicht geplant hatte, aber das vor allem das Kind eines Mannes ist, der einem ein Leben lang für seine grauenvolle Tat in Erinnerung bleiben wird, möchte ich mir nicht vorstellen.

Viel mehr als gegen Abtreibung, möchte ich für Menschen sein. Dafür, dass Frauen einen Funken Hoffnung und ein kleines bisschen Kraft in sich finden. Dafür, dass Eltern, Großeltern und Freunde Ermutigende sind. Dafür, dass jeder Mensch jemanden hat, auf den er sich verlassen kann. Vielleicht nur mich. Dafür, dass Kinder, die noch keine Stimme haben mit all unserer Kraft beschützt werden. Dafür, dass Frauen die abgetrieben haben sich angenommen fühlen, ohne Scham. Dafür dass sie erleben, dass Vergebung möglich ist, weil Gnade größer ist als Schuld. Und das alles, ohne dass ich mein Gewissen verleugnen muss.

„Mir ist aufgefallen, dass jeder, der für Abtreibung ist, bereits geboren wurde.“

Als ich im Geschichtsunterricht von dem Grauen der Nazizeit hörte, fragte ich meine Oma, ob sie wirklich nichts davon wussten, was in Konzentrationslagern passierte. Wie konnten sie nichts tun, obwohl sie wussten was dort geschah?
Vielleicht werden unsere Enkel uns eines Tages fragen, wie wir akzeptieren konnten, dass Tausende von Kindern getötet wurden, obwohl wir doch wussten was da passiert.

    7 Kommentare

  • Bettina 27. Januar 2019 Antworten

    Hallo Daphné, danke für deine weisen Worte. Und dass du den Mut hast, das Thema klar und liebevoll zugleich anzusprechen.

  • Doro 27. Januar 2019 Antworten

    Danke für diesen sehr wertvollen Beitrag!

  • Sarah Dross 27. Januar 2019 Antworten

    Danke, dass du zu dem Thema nicht stumm bleibst. Gut geschrieben.

  • Rebekka 27. Januar 2019 Antworten

    Hallo liebe Daphne, danke für diesen Post! Ich finde, du hast sehr passende – klare und gleichzeitig liebevolle – Worte gefunden.
    Zwei Aspekte, die mir in der Argumentation der Abtreibungsbefürworter immer zu kurz kommen, sind diese: 1. Viele Frauen treiben nicht „selbstbestimmt“ ab – vielmehr werden sie von ihren Partnern dazu gezwungen, unter der Androhung, sie zu verlassen, wenn sie das Kind bekommen. Das spielt für viele Frauen in ihrer Entscheidung für oder gegen ein Kind die größte Rolle. 2. Eine Abtreibung ist keine „normale“ OP! Sie hat körperliche und seelische Folgen, die in der Debatte einfach ignoriert oder verharmlost werden. Viele Frauen leiden gleich danach oder auch erst Jahre später immens darunter.
    Frauen brauchen Unterstützung und Solidarität, wenn sie ungewollt schwanger geworden sind oder wenn die Möglichkeit besteht, dass das Kind eine Behinderung hat. Und nicht die Aussage „dein Bauch gehört dir“…
    Das sind meine ergänzenden Gedanken dazu.
    Liebe Grüße
    Rebekka

  • Johanna 27. Januar 2019 Antworten

    Hallo Daphne. Auch in der BRD dürfen Kinder bis zur Geburt abgetrieben werden, nämlich dann wenn sie eine Behinderung haben. Paragraf 218a (2) regelt genau das. Ich wollte das nur ergänzen, da es leider in keiner Diskussion vorkommt. Und die Mütter, die sich für ein Kind mit Behinderung entscheiden wahnsinnig unter Druck setzt. Da eine Abtreibung ja immer möglich wäre, müssen sie sich ständig neu dagegen aussprechen. Sowohl vor Verwandten und Freunden, als auch vor Ärzten. Viele Grüße, Johanna @ohso_yeah

  • Miri 27. Januar 2019 Antworten

    Du hast das so gut geschrieben – sehr bewegend und nicht anklagend, echt und ehrlich aber nicht unsensibel.

  • Elli 27. Januar 2019 Antworten

    Das finde ich besonders erschreckend: 96 % der Frauen in Deutschland, die im ersten Trimester (nach der gesetzlich vorgeschriebenen Beratung) abtreiben, tun dies, ohne dass der Grund dafür in einer medizinischen Indikation oder einer Vergewaltigung liegt… Über 100.000 Kinder werden so jährlich in Deutschland getötet – das entspricht der Einwohnerzahl einer Stadt wie Hildesheim, um mal eine Vergleichsgröße heranzuziehen…
    Ich finde, wer Sexualität lebt, sollte Verantwortung für die Konsequenzen tragen.

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