Elternschaft

„Ich will jetzt nicht auf dich hören“

Bindungsorientierte Elternschaft

Es ist Abend und ich liege mit beiden Kindern im Bett.
Die letzte Woche hat Turbo und mich an die Grenzen unserer Frustrationstoleranz gebracht. Er diskutiert seit mehreren Wochen bei jeder sich bietenden (oder nicht bietenden) Gelegenheit über ALLES was ein Mensch ausdiskutieren kann. Egal ob ich zum Abendessen Brot oder Haferflocken, Grießbrei oder Pommes vorschlagen würde, er würde meinen Vorschlag grundsätzlich ablehnen und etwas anderes wollen. Wenn er baden soll, will er nicht und wenn er aus der Badewanne wieder raus soll, will er noch viel länger drin bleiben. Egal wie, es passt ihm nicht. Je mehr solcher Tage vergehen, desto niedriger wird meine Geduld über das ewige Aushandeln. Bei uns darf verhandelt werden und wir nehmen seine Vorschläge gerne an, wenn sie in dem Moment umsetzbar sind. Aber zu jedem meiner Vorschläge ein „Neeeiiiin, ich WILL aber nicht, dass wir das so machen“ als Reaktion zu bekommen, schlaucht irgendwann.

Wir liegen also im Bett und während ich ihn frage, was er heute schön fand, fängt er an mit seinem Fuß immer wieder gegen mein Knie zu stoßen. Ich sage, dass das für mich unangenehm ist und das er damit bitte aufhören soll. Er hört mich, reagiert aber nicht und macht weiter. Ich sage, dass ich echt will das er jetzt damit aufhört. Wieder reagiert er nicht. Plötzlich nervt es mich total, dass er mich ignoriert. Ich hebe ruckartig meinen Kopf und sage: „Man, ich hab doch jetzt zwei Mal gesagt, dass ich das nicht will, warum hörst du nicht auf?“. Er erschreckt sich kurz von meinem Aufspringen und ist genervt.

Während er kurz ins Badezimmer geht um ein Taschentuch zu holen, frage ich mich, warum es mich jetzt plötzlich so wütend gemacht hat, dass er weiter gemacht hat.
Durch meine Gedanken huscht das Wort „Kontrolle“.
Als ich darüber nachdenke merke ich, dass nicht sein Fußstoßen mich so plötzlich sauer gemacht hat, sondern dass er nicht auf mich gehört hat. Er hat sich nicht von mir kontrollieren lassen.
Als er wiederkommt frage ich ihn freundlich: „Warum hast du nicht aufgehört, als ich es dir gesagt habe?“
Er antwortet: „Ich will zur Zeit einfach nicht immer auf euch hören.“

Seine Antwort passt zu seinem Verhalten der letzten Tage und Wochen. Er möchte ein eigener Mensch sein, der frei für sich entscheiden kann. Er will nicht nur Ja oder Nein zu Haferflocken sagen, sondern selber überlegt haben, was er essen will.
In jedem anderen Kontext würde ich seine Antwort ja eigentlich begrüßen. Wenn er sich von seinen Freunden nicht unter Druck setzen lässt Quatsch zu machen, wäre ich sogar stolz auf ihn, dass er sich nicht hat kontrollieren lassen.

Vor einiger Zeit kam er von einem Besuch bei einem Freund zurück und sagte: „Freddy* hat versucht mich zu manipulieren. Er hat gesagt: »Nur die, die jetzt mit mir Fußball spielen sind meine Freunde.« Aber ich hab zu ihm gesagt: »Ich lass mich nicht von dir manipulieren«.“
Ich bezweifle, dass sein Freund wusste, wovon er spricht, aber ich hatte einen kleinen Stolze-Mama-Moment.

ICH: „Weißt du was? Ich kann verstehen, dass du nicht immer nur das machen willst, was wir dir gesagt haben. Kein Mensch mag es nur auf Befehle von anderen zu hören. Ich mag das auch nicht. Und das ist auch gut so. Aber was soll ich denn das nächste Mal sagen, wenn du sowas machst? Das war nämlich wirklich unangenehm für mein Knie.“
TURBO: „Du kannst einfach sagen: Kannst du bitte aufhören?“

So einfach. Warum bin ich da nicht selbst drauf gekommen?

ICH: „Das tut mir Leid, dass ich dir in den letzten Tagen öfter Anweisungen gegeben habe, ohne dich ernstzunehmen. Ich war selber gestresst und hatte dadurch weniger Geduld. Das ist aber nicht deine Schuld, sondern mein Problem, was ich lösen muss. Ich versuche ab jetzt wieder möglichst wenig Befehle zu geben.“
TURBO: „Du sollst möglichst überhaupt keine Befehle geben:“
ICH: „Ok. Du hast Recht.“

Seit dieser Unterhaltung sind inzwischen mehrere Monate vergangen. In den Wochen vor diesem Gespräch hatte ich oft unbewusst von ihm erwartet, meinen Erwartungen entsprechend zu funktionieren. Nach dem Gespräch habe ich meine Art mit ihm zu reden wieder meiner Überzeugung angepasst, dass Kinder vollwertige und ernstzunehmende Menschen sind.

Und wenn ich jetzt auf die letzten Wochen seit diesem Gespräch zurückschaue, ist das ewige Diskutieren mit ihm nur noch eine Erinnerung. Wir nehmen uns wieder beide gegenseitig ernst.
Ich, als das erwachsene Vorbild, musste nur damit anfangen.

*Name geändert

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