Elternschaft

Kinder brauchen Grenzen

Elternschaft

In einem abgelegenen Ort lebte ein junger Mann mit seiner Familie. Er hatte ein großes Grundstück, dass an der einen Seite an das Grundstück eines älteren Mannes grenzte. Recht nah an der Grundstücksgrenze hatte der ältere Mann einen etwas größeren Hundekäfig, in dem mehrere deutsche Schäferhunde eingezäunt waren. Jedes Mal wenn der junge Mann, zwar auf seinem eigenen Grundstück, aber in die Nähe des Hundekäfigs kam, bellten die Hunde wie wild und erzeugten bei ihm jedes Mal ein mulmiges Gefühl. Die Hunde wirkten wild und aggressiv und machten dem Besitzer durch ihr Verhalten einige Mühe.

Bestimmt hast du schonmal den Satz „Kinder brauchen Grenzen“ gehört. Vielleicht hast du ihn sogar selbst schonmal gesagt? Wahrscheinlich habe ich ihn auch schonmal gesagt.

In meinem Alltag mit den Kindern stelle ich fest, dass das Leben in Gemeinschaft ganz natürlicherweise oft Begrenzungen beinhaltet. Diese Grenzen müssen nicht mal extra aufgestellt werden.
Es sind die Grenzen der anderen und die eigenen Grenzen.
Turbo hört ein Nein, nicht weil er aus Prinzip lernen soll, dass er nicht alles haben kann, sondern weil ich tatsächlich nicht alles leisten und schaffen kann. Wenn er Milch trinken möchte, diese aber leer ist, kann er keine Milch trinken. Wenn er mit mir spielen will, ich aber Flamingo schlafen legen muss, muss er warten bis ich fertig bin.
Auch Flamingo´s Entdeckerdrang hat Grenzen. Er darf nicht auf das Klavier klettern, er darf den Saft nicht ausschütten, er darf nicht immer mit den großen Kindern spielen, er darf meine Blumen nicht abreißen, und noch sehr viel mehr. Selbst wenn ich ihm nichts verbiete, ist er durch seine Fähigkeiten begrenzt. Er schafft es nicht auf die Fensterbank zu klettern, so wie er es gerne würde und mir sagen was ihn nervt, kann er auch noch nicht.
Das Leben von Kindern ist voller Grenzen. Weil die Menschen um sie herum Grenzen haben. Begrenzte Kraft, begrenzte Lust, begrenztes Geld, begrenzte Zeit. Und weil sie selbst auch Grenzen haben.

Interessant finde ich, dass dieser Satz „Kinder brauchen Grenzen“ immer eine gewisse Härte trägt und einen komischen Beigeschmack hat. Seltsam, denn Grenzen sind eigentlich etwas Gutes. Der Zaun um den Garten schützt die Kinder vor dem Verirren und uns alle vor unerwünschten Gästen. Warum müssen diese Grenzen die wir Kindern setzen sollen für sie etwas Negatives sein?

Wenn ich in meinem Studium der Rebilitationspädagogik eines über die Entwicklung von Kindern gelernt habe, dann dass Kinder in erster Linie durch Nachahmung lernen. Um das zu wissen, muss man aber garnicht studiert haben, es reicht regelmäßig Kinder zu beobachten.

Um unseren Kindern den Umgang mit Grenzen beizubringen, helfen wir ihnen also nicht unbedingt, indem wir ihnen möglichst viele Grenzen setzen, sondern indem wir ihnen den Umgang mit Grenzen vorleben. Wenn ich möchte, dass meine Kinder sich an unsere Grenzen halten dann lernen sie es am besten, indem ich mich an Grenzen halte.
Dafür brauchen wir nur zwei Kompetenzen:
1. Ich muss meine eigenen Grenzen wahrnehmen können
2. Ich muss die Grenzen meiner Umgebung wahrnehmen können

Wie setzt du für dich Grenzen? Merkst du, wann und wo Grenzen für dich notwendig sind? Gehst du schlafen wenn du müde bist? Hörst du auf zu essen, wenn du satt bist? Sagst du Termine oder Anfragen ab, wenn dein Terminkalender überfüllt ist?
Wie reagierst du auf die Grenzen anderer? Respektierst du den Wunsch eines Freundes, ein Treffen abzusagen, weil er Ruhe braucht? Nimmst du die Grenze deines Kindes ernst, dass es nicht auf dem Schoß von Oma sitzen möchte?

Die Hunde aus der Geschichte am Anfang gibt es wirklich. Der Mann, der sie erzählte, war der junge Mann aus der Geschichte. Er hatte eines Tages eine Erkenntnis: Diese Hunde waren körperlich dafür ausgestattet weite Entfernung zu rennen und Schafe zu hüten. Sie waren nicht für die Begrenzungen gemacht, in denen sie leben mussten. Das machte sie zu unerträglichen Hunden.

Kinder brauchen keine Grenzen. Kinder haben Grenzen. Ganz von alleine.

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