Das Leben

Leben im Ghetto

Wir wohnen in der Dortmunder Nordstadt.
Wenn man bei Google „Dortmund Nordstadt“ eingibt, kommen direkt Begriffe wie „No-Go-Area“, „Drogen-Ghetto“ oder „Brennpunkt Dortmund“. Im Sommer fühlt man sich hier abends wie im Spanienurlaub, mit Plastikstühlen an jeder Ecke, Lachen und Musik bis tief in die Nacht.
Wir wohnen mittendrin. Manche kennen unsere Straße noch aus ihren Jugendzeiten, als sie hier her kamen um ihre Drogen zu kaufen.
Gegenüber von uns wohnt ein rumänischer älterer Mann, der die Zimmer seiner Wohnung zu überhöhten Preisen als Matratzenlager an Rumänen ohne Deutschkenntnisse vermietet. Er vermittelt ihnen auch Arbeit für wenig Lohn, sodass sie nur schwer aus seiner Abhängigkeit heraus kommen.
Jeden Tag sehen wir mehrfach Leute, die mit Drogen dealen. Bevor die Kinder auf dem Spielplatz spielen, schaue ich einmal drüber, ob ich irgendwo eine Heroinspritze oder Scherben sehe.
An einem Sonntag standen wir auf dem Platz an unserer Straße, als ein BMW vorbei fuhr, anhielt und vier Männer ausstiegen um einen Mann zu verprügeln, der gerade sein Fahrrad auf der gegenüberliegenden Straßenseite holen wollte. Ein anderes Mal sahen wir mitten am Tag einen muskelbepackten Mann mit blutüberströmtem Gesicht und T-Shirt und voller Adrenalin vor einer Eckkneipe stehen.
Vor drei Jahren klingelte ein Mann von einem Unternehmen an unserer Tür, zeigte uns seine Visitenkarte und fragte ob er herein kommen könne. Als er im Wohnzimmer war, holte er seinen Polizeidienstausweis hervor und sagte, dass er von der Kriminalpolizei sei. Er bat darum bei uns eine Kamera aufstellen zu können um das gegenüberliegende Haus zu überwachen, da dort Verdächtige vermutet wurden.
Wir haben schon mehrere Festnahmen, teilweise mit SEK, direkt vor unserer Haustür gesehen.
Zwei Mal hatten wir abends vergessen unser Auto abzuschließen. Beide Male saß dann nachts jemand in unserem Auto.
Kürzlich rannten nachmittags zwei Personen an unserem Fenster vorbei während der hintere von beiden rief: „Der hat mein Handy geklaut!“.
Im letzten halben Jahr habe ich insgesamt 5 Ratten auf unserer Terasse gesehen.

Das sind ein paar der spannenden Geschichten, die wir hier erleben.
Es gibt auch hoffnungsvolle Geschichten zu erzählen.
Zum Beispiel die von Adam*, der früher auch in der Wohnung des rumänischen älteren Mannes wohnte. Seit Jahren kommt er zu unserer Gemeinde Connected sobald jemand die Türen öffnet, setzt sich auf seinen Platz und bleibt immer bis der letzte geht. Inzwischen konnten wir ihn überzeugen zur Sprachschule zu gehen. In dem Mietshaus, in dem Connected seine Räume hat, fing er vor etwa einem Jahr an als Hausmeister zu arbeiten und konnte in dem gleichen Haus auch eine eigene Wohnung beziehen. Wir helfen ihm sein Geld zu verwalten und schreiben für ihn seine Arbeitszeiten auf, da er kaum Lesen oder Schreiben kann.
Auch die beiden Jungs Roman* und Marius* haben schon viel erlebt. Die beiden kamen letzten Sommer jeden Tag mit ihren kaputten Fahrrädern vorbei um es mit unserem Werkzeug und der Pumpe zu reparieren. Eines Tages machten sie eine kleine Fahrradtour mit meinem Mann Martin und unserem Sohn. Unterwegs erzählte Marius, dass er den ganzen Tag schon Bauchschmerzen habe. Martin folgte einem Impuls und fragte Roman, ob er nicht für seinen Freund beten wolle, das Jesus seine Schmerzen wegnimmt. Roman legte seine Hand auf Marius´ Bauch, betete und die Schmerzen verschwanden sofort. Martin erklärte ihnen, dass Jesus sie liebt und sich freut ihnen zu helfen. Er sagte ihnen, dass sie auch in ihren Familien für andere beten können, wenn jemand Schmerzen hat.
Dann wäre da auch noch Otto*, 60 Jahre alt, der schon mehrmals im Gefängnis saß, unter anderem wegen Mordes. Er brachte mir eine Zeit lang jede Woche Blumen vorbei, weil er sie kostenlos bei einer Essensausgabe mitnehmen konnte. Seine Geschichte ist geprägt von Wutausbrüchen und deren Konsequenzen. Während eines Lobpreisabendes bei uns Zuhause erzählte er, das er wahrscheinlich schon wieder im Gefängnis wäre, wenn er nicht zu Connected kommen würde. Seit er in unserer Gemeinschaft ist, spürt er, das er weniger jähzornig ist.

Wenn ich Leuten von unserem Leben hier in der Nordstadt erzähle – dass wir bewusst hier her gezogen sind, um nicht nur ab und zu „Bedürftigen“ zu helfen, sondern um Nachbarn mit ihnen zu sein und dass jeden Tag Leute bei uns klingeln, um zu duschen, ihre Wäsche bei uns zu waschen, Geld zu leihen oder einen Kaffee zu trinken – bekomme ich meist sehr positive, fast schon bewundernde Reaktionen.
Was man bei diesen Geschichten allerdings nicht erfährt sind die vielen Male, die ich die Haustür beim Klingeln nicht öffne, weil ich keine Lust mehr habe, mir ihre Geschichten anzuhören. Und das einige Kinder aus der Nachbarschaft mit der Zeit immer seltender kamen, weil ich sie immer wieder nicht rein gelassen habe. Oder das ich viel mehr Zeit mit meinen Freunden verbringe, als wirkliche Freundschaften mit meinen Nachbarn zu bauen. Und das es nebenbei auch ganz praktisch ist in der Nordstadt zu wohnen, weil wir für ein kleines Häuschen sehr wenig Geld bezahlen.
Im letzten Jahr war ich oft an meinen Grenzen und wollte am liebsten so schnell wie möglich wegziehen. Ich wollte keinen Müll mehr überall sehen, keine Leute, die laut auf der Straße Selbstgespräche führen und fluchen, keine Hundekacke direkt vor meiner Haustür, kein Geschrei von der Straße, wenn ich abends die Kinder ins Bett bringe und kein Knallen mehr hören, bei dem man sich jedes Mal fragt ob es wieder nur ein Böller, oder diesmal doch ein Schuss war. Und ich will einen Garten haben.
Aber ich weiß auch, dass mein Glück nicht von den äußeren Umständen (Haus, Familie, Kontostand, Wetter, usw.) abhängt. Vor 4 Jahren waren wir überwältigt davon, dass wir in dieses Haus einziehen können, mit Freunden die nebenan wohnen und unserer Gemeinde in der gleichen Straße. Es müssen nur 4 Jahre vergehen und ich will von genau diesem Ort wegziehen.

Wenn der Frieden nicht in mir liegt, werde ich nie wirklich zufrieden sein.

Wir werden nicht für immer hier wohnen, und das ist auch in Ordnung. Gottes Auftrag an uns Menschen war es, unseren Nächsten zu lieben und das kann ich in Dortmund genauso wie in Düsseldorf.
Aber so lange wir hier wohnen erinnere ich mich daran, dass der Frieden Gottes alles ist was ich brauche um glücklich zu sein.

*Die Namen wurden geändert

    5 Kommentare

  • Hanne Marie 29. Januar 2017 Antworten

    Danke Caro <3
    …es berührt mein Herz

  • […] ruhig wissen, dass ich auch nur ein Mensch bin. Aber ich habe den Anspruch an mich, dass meine äußeren Umstände nicht immer einfach so meine Laune beeinflussen sollen. Und dabei merke ich, wie wichtig es ist, […]

  • […] Jeden Tag sahen sie die vier kleinen Einfamilienhäuser, die so garnicht in das Bild der Dortmunder Nordstadt passten. Als sie eines Tages Umzugskartons in den Fenstern stehen sahen, warfen sie einen Zettel in […]

  • […] Frieden mit meinem Charakter, meinem Körper, Frieden mit meiner Vergangenheit, Frieden mit meinen Lebensumständen und Frieden mit meinen Träumen und Zukunftswünschen. Fast alles davon sind übrigens Dinge, die […]

  • […] Um schonmal einen Garten für die Kinder zu haben. Und um mit unserem hochsensiblen Kind aus der Nordstadt rauszukommen. Und mit zwei kleinen Kindern nur eine Etage in Ordnung halten zu müssen klang auch […]

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