Elternschaft

„Mama, nach Flamingo´s Geburt habe ich dich vermisst.“

Geburt

TURBO: „Mama, als Flamingo geboren ist und ihr im Krankenhaus wart und ich bei Oma und Opa geschlafen habe, da hab ich euch vermisst.“
Ich schlucke.
ICH: „Ja? Erinnerst du dich daran?“
TURBO: „Ja. Wenn ich abends schlafen sollte, dann war ich auch traurig.“
Ich versuche trotz Kloß im Hals zu reden.
ICH: „Ja, das kann ich gut verstehen. Ich war auch traurig, dass wir nicht bei dir sein konnten.“
TURBO: „Aber ich wollte da auch bei Oma und Opa sein.
ICH: „Ja, du wolltest lieber bei ihnen schlafen als im Krankenhaus, ne?“
TURBO: „Ja.“
Pause.
ICH: „Weißt du was? Ich war auch traurig und manchmal musste ich auch weinen, weil du nicht bei uns warst.“
TURBO: „Ich auch.“
ICH: „Ich wollte nicht, dass du das Gefühl hast, dass wir das Baby jetzt mehr lieb haben als dich, weil du nicht bei uns bist. Oder das wir dich nicht bei uns haben wollen.“
TURBO: „Ja, das dachte ich dann auch.“
Durchatmen.
ICH: „Ja, das war auch schlimm. Wir haben sieben Nächte hintereinander ohne dich geschlafen. Nur nachmittags haben wir uns gesehen. Aber das ist gut, dass du mir das erzählst. Dann kann ich dir nämlich jetzt sagen: Wir hatten dich immer noch ganz genau so lieb wie vorher und wie das Baby. Und wir haben dich vermisst und wollten nicht, dass du nicht bei uns sein kannst.“
TURBO: „Ja! Komm, wir gehen toben.“

Während wir nach Flamingo´s Geburt im Krankenhaus waren, waren wir immer wieder unsicher, was wir mit Turbo machen sollten. Am Tag vor der Geburt war meine Familie zum Abendessen bei uns. Da ich schon während des Essens in regelmäßigen Abständen leichte Wehen bekam, fragten wir Turbo, ob er nicht gleich mit zu Oma und Opa fahren wollte um dort zu schlafen. Es war das erste Mal seit langem, dass er zustimmte. Genau in der Nacht wurde Flamingo geboren. Wegen schwerer Komplikationen während und nach der Geburt mussten wir eine Woche lang im Krankenhaus bleiben. Wir hatten ein Familienzimmer. Turbo hätte auch dort schlafen können. Aber das Krankenhaus wäre für ihn gleichzeitig stressig und langweilig gewesen. Und für uns wäre es auch stressiger gewesen ihn dabei zu haben. Die Alternative war, dass er bei Oma und Opa schläft und sie ihn nachmittags vorbeibringen, damit wir ein paar Stunden zu Viert sein konnten. Es war das erste Mal seit Monaten gewesen, seit er wieder bei seinen Großeltern schlafen wollte. Und jetzt würden es gleich mehrere Nächte sein? Wir wussten nicht wie wir es machen sollten. Turbo war immer sehr sensibel und auch anhänglich. Welche Version wäre weniger schlimm für ihn?
Als ich einmal verzweifelt betete, was wir tun sollen, sah ich vor meinem geistigen Auge ein Bild von einem schmalen, geraden Weg, der links und rechts durchgehend von Rosenbüschen umgeben war. Die Gedanken, die mir gleichzeitig zu diesem Bild in den Sinn kamen, waren für mich eine hilfreiche Erkenntnis.
Der Weg war Turbo´s Leben. Egal ob er eher links oder eher rechts am Weg entlang lief, auf beiden Seiten gab es Dornen. Dinge die wehtun und nicht schön sind. Aber sowohl links entlang, als auch rechtsentlang gab es auch Rosen. Dinge die schön sind, die ihm gut tun und die er genießen kann. Wenn er bei uns bliebe, gäbe es Rosen und Dornen. Und wenn er bei meinen Eltern schliefe, gäbe es andere Rosen und Dornen. Auch wenn ich meinen Kindern am liebsten einen Weg komplett ohne Dornen wünschen würde, gibt es Rosen auf dieser Welt eben nicht ohne Dornen.
Auch wenn mich das Bild in die Realität holte, dass Turbo so oder so Dornen begegnen würden, erleichterte mich dieses Bild so sehr, das die Last wie von meinem Herzen gefegt war.
Wir blieben dabei, dass Turbo bei Oma und Opa schlief und nachmittags zu Besuch kam.

Einen Tag nach unserer Unterhaltung sagte ich zu ihm:

„Turbo, ich finde es richtig gut, dass du mir das gestern erzählt hast. Du merkst so gut wenn dich Sachen traurig oder sauer machen und kannst dann darüber reden. Es gibt sehr viele Leute, auch Erwachsene, die das beides nicht so gut können und dann immer ein bisschen traurig oder ein bisschen wütend bleiben, bis wieder etwas Blödes passiert. Und dann wissen sie nicht, wieso sie auf einmal so doll traurig oder wütend sind. Aber weil du das merkst und dann darüber sprichst, ist die Traurigkeit oder die Wut danach weg.
Darin wirst du noch vielen Menschen, auch Erwachsenen, ein Vorbild sein.“

    2 Kommentare

  • Lenna 26. September 2017 Antworten

    Turbo hat wirklich Glück, das seine Mama so weise mit ihm umgeht.

  • Conny 26. September 2017 Antworten

    Vielen Dank!

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