Elternschaft

Warum wir unsere Kinder nicht bestrafen

Bindungsorientierte Elternschaft

Es wäre wohl wahrheitsgetreuer wenn der Titel dieses Textes „Warum wir unsere Kinder theoretisch nicht bestrafen wollen“ hieße. Meinen Kindern mit Dingen zu drohen damit sie mit bestimmten Verhaltensweisen aufhören, passiert mir wahrscheinlich täglich.
Dieser Text soll niemanden beschämen. Ich glaube, dass die allermeisten von uns nach bestem Wissen und Gewissen handeln.
Aber wir müssen den Mut haben uns einmal zu fragen, ob es zielführend ist, wie wir tagtäglich mit unseren Kindern umgehen.

Der Satz, der Online und Offline zum Thema Bestrafung immer wieder gesagt wird ist dieser:

Hat es uns denn wirklich so sehr geschadet, als Kinder bestraft worden zu sein?

Hierbei sollte uns klar sein, dass wir bei „Schäden“ nicht nur von Traumata, Therapiebedürftigkeit oder Suizidgefährdung sprechen können. Mit einer Beule im Auto kann ich noch problemlos fahren. Ein Schaden ist es trotzdem.

Hier sind 3 Gedanken dazu, wie Strafe funktioniert und welchen Schaden sie in uns verursacht.

1. Bestrafung ist manipulativ

Unser Erwachsenenleben ist voll von Menschen die sich ihr Leben durch unterschwellige, manipulative Tricks zurechtbiegen. Und ich würde wetten, dass jeder von uns schon mal durch Worte, Schweigen oder anderes versucht hat das Verhalten oder die Gefühle einer anderen Person zu kontrollieren. Auch für viele Kinder sind Sätze wie „Wenn du mir das nicht gibst, spiele ich nicht mehr mit dir/bin nicht mehr dein Freund/lade dich nicht zum Geburtstag ein“ an der Tagesordnung. Und die meisten von uns empfinden das als normal.

Immer wenn ich Angst einsetze um jemand anderen zu etwas zu bringen, handle ich manipulativ.

Mit „Angst einsetzen“ meine ich übrigens nicht nur Schreien, Schlagen oder Alleinlassen.
Die Wurzel von Bestrafung ist Kontrolle. Ich will, dass das Kind funktioniert und sich angepasst verhält. Um zu meinem Ziel zu kommen, gebrauche ich Angst um das Verhalten des Kindes zu kontrollieren. Denn Strafe funktioniert nur aufgrund von Angst. Das Kind wird sein Verhalten anpassen, weil es Angst vor der Konsequenz oder vor der Reaktion des Erwachsenen hat und nicht weil es den Sinn verstehen durfte, weshalb dir das wichtig ist.

Noch vor ein paar Wochen sagte ich zu meinem 4-Jährigen: „Wenn es so anstrengend ist mit dir einkaufen zu gehen, weil du ständig etwas haben willst, dann gehe ich beim nächstes Mal wieder alleine“. Ich wusste, dass er gerne wieder mitkommen wollen wird. Also drohte ich ihm mit einer Aussage, die in ihm die Angst auslöst, dass er beim nächsten Mal nicht mitkommen darf, obwohl er gerne würde. Er würde sein Verhalten, wenn er selbstbeherrscht genug ist, dadurch an meine Erwartungen anpassen um beim nächsten Mal wieder mitkommen zu können.
Von solchen Momenten wir mein Sohn ganz sicher kein Trauma haben. Aber es lehrt ihn, dass es in Ordnung ist andere durch manipulative Aussagen zu kontrollieren.

Angst und Liebe können nicht gleichzeitig herrschen.

„Die vollkommene Liebe vertreibt alle Angst. Wer noch Angst hat, rechnet mit Strafe, und das zeigt, dass seine Liebe in uns noch nicht vollkommen ist.“
Johannesbrief, Bibel 

Mal ganz abgesehen davon, was es mit einer Beziehung macht regelmäßig manipuliert zu werden, möchte ich euch sagen, was ein weiterer Schaden ist, den man seinem Kind durch Bestrafung mitgibt:

2. „Schlechtes Verhalten hat Strafe verdient“

Wenn du für Fehlverhalten Bestrafung erlebt hast, wird es in dir den Glaubenssatz festigen, dass unangepasstes Verhalten Strafe verdient hat.

Dieses Denken sitzt tief. Der Große haut den Kleinen kurz bevor es Süßigkeiten geben sollte. Jetzt kann er doch nicht für so ein Verhalten auch noch belohnt werden.
Auch ich war schonmal genervt von einem Kind, dass noch nicht einmal einen bösen Blick von seiner Mutter bekommen hat, obwohl es sich gerade nicht angepasst verhalten hatte. Ich kenne das Gefühl: Das Kind muss doch jetzt mal spüren, dass das nicht in Ordnung war.
Strafe wäre zum Beispiel auch, dass ich mein Kind nicht auf den Arm nehme, weil es gerade bewusst etwas herunter geschmissen hat. Das ist Liebesentzug als Strafe. Heutzutage eine der häufigsten Arten zu bestrafen.

Dieses Denken ist nicht mit der Idee von bedingungsloser Annahme und Liebe zu vereinbaren. Es sagt dem Kind: Meine Annahme und Liebe sind von deinem Verhalten abhängig. Verhältst du dich meinen Wünschen entsprechend, zeige ich dir meine Liebe. Tust du es nicht, erlebst du Strafe (Angst, also keine Liebe).
Und wahrscheinlich kannst du dir denken, was dieser Glaubenssatz mit deiner Vorstellung von Gott macht, falls du an ihn glaubst.

Mein letzter, ein weiterer schwerwiegender Punkt, was Bestrafung mit einem Menschen macht, ist dieser:

3. Fehlende alternative Strategien

Wenn Bestrafung die Lösungsstrategie deiner Eltern war, hast du wahrscheinlich wenig alternative Strategien gelernt mit Stress und stressigen Menschen umzugehen.
Und vielleicht denkst du beim Lesen dieses Artikels es ginge mir darum, dass Kinder immer alles dürfen was sie wollen und sich nie in irgendeiner Form anpassen müssten. Wenn du das denkst, bist du ein gutes Beispiel für die Folgen von Strafe als Erziehungsmaßnahme: Du denkst es gäbe keine Alternative.
Es geht nicht darum, dass Kinder sich in keiner Form anpassen müssen. Unsere Kinder sind Teil verschiedener Gemeinschaften und müssen sich an ihre eigenen und die Grenzen der anderen anpassen. Ich spreche hier lediglich davon, dass ich nicht Bestrafung gebrauchen will, um mein Kind von (manchmal tatsächlich) störenden Verhaltensweisen abzubringen.

Wie Kinder lernen

Unsere Kinder lernen zu allererst durch Nachahmung. Wenn du ein Kleinkind kennst, weißt du, dass es nach und nach alles nachmachen will, was es um sich herum wahrnimmt. So lernen Kinder all ihre Kompetenzen und auch, sich ins Familiensystem einzufügen.
Wenn man das im Hinterkopf hat, ist es umso verstörender zu realisieren, dass wir als Erwachsene häufig kein Stück besser reagieren als das Kind.
Ein Kind wird handgreiflich indem es das andere schubst, der Erwachsene wird im Zuge dessen handgreiflich indem er das Kind packt und in den Flur stellt.
Ein Kind haut seinen Bruder, die Mama gibt dem Kind einen Klaps und sagt „Du sollst deinen Bruder nicht hauen“.

Den Umgang mit Stress müssen Kinder lernen.
Und es steht außer Frage, dass Hauen, Treten, und ständiges Schreien kein langfristig akzeptabler Umgang mit Stress sind.
Deine Kinder werden von dir abgucken, wie sie mit Stress umgehen sollen.
Wie reagierst du jetzt?
Ist es dir schonmal passiert, deine Kinder anzuschreien weil du (evtl. durch sie) gestresst warst?
Hast du dein Kind schonmal zu hart festgehalten, weil sein Geschreie und Ungehorsam dich gestresst haben?

Wenn selbst du als Erwachsener keine besseren Lösungsstrategien hast, wie willst du es von deinem Kind erwarten?

Viele von uns stellen sich heute diese Frage, wie wir unsere Kinder frei von Manipulation ins Leben begleiten können. Und wir finden heraus, wie das klappen kann, so dass wir alle in Frieden zusammenleben können. Herausfinden heißt, wir entdecken neue Wege und werden sicher hier und da mal von der einen oder der anderen Seite vom Pferd fallen.
Aber unsere Kinder bekommen damit Handwerkszeug für alle Beziehungen in die sie in ihrem Leben treten werden. Sei es ein Partner, der Chef oder irgendwann die eigenen Kinder.
Es lohnt sich also nicht nur für unsere eigene Beziehung zu unserem Kind, sondern auch für das Erbe an Beziehungsfähigkeit, dass wir ihnen damit hinterlassen.

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