Elternschaft

„You were the One“ – Eine Geburt und ihre Folgen

Ein Geburtsbericht und seine Folgen

Die Geburt von Flamingo ist über 2 Jahre her. Und seit dem Tag hatte ich immer das Gefühl, nicht richtig mit ihm verbunden zu sein. Bis vor Kurzem.
Die Geburt war alles andere als schön. Durch das Reißen der Gebärmutter, das unter der gesamten Geburt nicht bemerkt wurde, war ich während und zwischen den Wehen voller Schmerzen. Der Riss alleine wäre schon schmerzhaft genug gewesen, wenn nicht auch noch die Hebamme ihren korpulenten Oberkörper auf meinen Bauch gedrückt hätte um dem gestressten Baby zu helfen es ohne Notkaiserschnitt heraus zu schaffen. Als es mit allen möglichen und unmöglichen Hilfsmitteln geschafft war, legten sie ihn auf meinen Bauch und das Einzige was ich wollte war dass sie das Kind wieder von mir wegnehmen. Nicht weil ich ihn nicht wollte, sondern weil sein Gewicht auf meinem Bauch nur schmerzte. Immer noch ahnte niemand, dass ich innere Verletzungen und Blutungen hatte. Ich war nicht ganz bei Sinnen und vermisste ihn nicht einmal, als Martin und die Hebamme mit ihm raus gingen um die nötigen Tests zu machen. Einen Tag lang hatte ich trotz starker Schmerzmittel Schmerzen wie nach Turbo´s Notkaiserschnitt und dachte, dass das nach einer Geburt doch normal sei. Als einen Tag nach der Geburt sicherheitshalber ein MRT gemacht wurde und ich es kaum schaffte mich auf den Tisch zu legen, schaute der Assistent verdutzt. Das verdutzte mich wiederum. Als dann ein paar Stunden später sicherheitshalber eine Bauchspiegelungsoperation vorgenommen wurde, war Flamingo mehrere Stunden mit Martin und Fläschen im Zimmer. Einen Tag alt.
Überraschenderweise wurde bei der Bauchspiegelung festgestellt, dass nicht nur ein kleines bisschen der Gebärmutter gerissen war, was zu den Schmerzen und den uneindeutigen Bildern im MRT geführt hatte, sondern die gesamte Narbe von Turbo´s altem Kaiserschnitt. Der komplette Kaiserschnitt musste noch einmal geöffnet und wieder geschlossen werden. Ich blieb also nicht nur mit den Wunden einer Saugglockengeburt sondern nun auch mit denen eines Kaiserschnitts.
Als meine Nachsorgehebamme später die Geschichte hört, sagt sie, dass ich das nicht hätte überleben können, über einen Tag lang mit einem gerissen Organ gewesen zu sein.
Die folgende Nacht auf der Intensivstation. Ohne Flamingo. Wieder machte ich mir um ihn wenig Sorgen. Am nächsten Morgen endloses Warten auf den Stationsarzt, um endlich wieder auf mein Zimmer gebracht zu werden und mein Kind selbst stillen zu können. Eine Woche im Krankenhaus und einen fast 3Jährigen der Mama und Papa und Zuhause vermisste.
Nach einer Woche endlich Zuhause, mit Schmerzen, Schmerzmitteln, 2 Kindern und einem müden Mann. Beinahe hätten sie mir wegen meines Blutverlusts und Eisenmangels eine Bluttransfusion gegeben. Dementsprechend waren die folgenden Wochen müde und angestrengt. Jede Bewegung wie neu trainiert. Wochenlang kein Baby in der Bauchtrage, nicht mal im Arm wippend. Nur zum Stillen und wieder zu Papa.
Als er Älter wurde wuchs meine Liebe deutlich, aber er brauchte mich kaum. Ein Papakind. Nur das Stillen war ihm wichtig.
Ein selbstständiges Kind, löst seine Probleme selbst. Läuft, krabbelt, klettert, wie ein Weltmeister. Und immer wieder frage ich mich: Weiß er eigentlich, dass ich seine Mama bin? Braucht er mich? Fühlt er sich mit mir verbunden? Fühle ich mich mit ihm verbunden? Sind wir verbunden? Haben wir eine Bindung?

Vor ein paar Monaten. Er ist gerade vom Mittagsschlaf aufgewacht und entspannt noch in meinem Arm. Ich laufe umher als im Wohnzimmer noch Musik läuft.
Wieder geht mir diese Frage durch den Kopf: Haben wir zwei eine Bindung?

Meine Aufmerksamkeit fällt plötzlich auf das Lied das gerade läuft und das mir die Antwort gibt. Ein Text, indem es eigentlich um Gott geht. Seine Verbindung zu uns. Aber während ich den Worten zuhöre, sagt mein Herz: „Das alles kann ich genau so zu dir sagen, mein kleiner Flamingo“.
Und im Herzen spreche ich ihm diese Zeilen zu, während wir sie gemeinsam hören und ich spüre wie eine Verbindung wach wird.

„I loved you before you knew it was love
And I saw it all, still I chose the cross
And you were the one that I was thinking of when I rose from the grave
Now rid of the shackles, My victory’s yours
I tore the veil for you to come close
There’s no reason to stand at a distance anymore
You’re not far from home
And now I’ll be your lighthouse when you’re lost at sea
And I will illuminate Everything
No need to be frightened by intimacy
No, just throw off your fear and come running to Me
And oh, as you run
What hindered love will only become Part of the story“
Steffany Gretzinger – Out of Hiding

„Ich habe dich geliebt, bevor du es wusstest
Ich habe schon alles gesehen und habe mich trotzdem für die Schmerzen entschieden
Du warst es, an den ich gedacht habe als ich vom Grab auferstanden bin
Jetzt lös dich von deinen Fesseln, mein Sieg ist deiner
Ich habe den Schleier zerrissen, damit du mir nah sein kannst
Es gibt keinen Grund noch in der Ferne zu bleiben
Du bist nicht weit von Zuhause entfernt
Ich werde dein Leuchtturm sein wenn du auf See verloren bist
Und ich werde alles erleuchten
Du brauchst keine Angst vor Intimität zu haben
Nein, wirf deine Ängste weg und komm, renn zu mir
Und während du rennst, wird das, was die Liebe gehindert hat, zu einem Teil unserer Geschichte.“

Ich würde durch den Schmerz noch einmal durchgehen. Ich würde es noch einmal schaffen aus meinem Grab aufzuerstehen. Nicht nur die Gebärmutter ist in unserer Verbindung gerissen, auch jeder Schleier, der uns trennen will ist gerissen. Du kannst mir nah kommen.

Als ich merke, dass das meine Liebe zu ihm ist, zweifle ich nicht mehr an der Verbindung meinerseits.

Aber was ist mit ihm? Fühlt er sich mit mir verbunden?
In diesem Moment denke ich an die 10 Monate, in denen er ausschließlich gestillt werden wollte. 10 Monate kam nichts anderes in Frage. Nicht mal Milch aus der Flasche, oder was auch immer. Kein Ersatz. Nur an Mama´s Herz sein.
Da ist meine zweite Antwort. Er fühlt sich mit mir verbunden. Er hat die Verbindung gesucht. Und bekommen.
Wir zwei sind nicht verbunden, weil die Verbindung leicht war. Wir sind verbunden, weil keine äußeren Umstände dieses Band zerstören können. Höchstens einschläfern. Aber übernatürliche Liebe hat sie wieder auferweckt.

    2 Kommentare

  • Lisa 4. September 2018 Antworten

    Wow du bist eine unfassbar starke Frau krass was du erlebt hast überlebt hast! Toll geschrieben liebe Grusse Lisa 🌷

  • Naemi Baptista 4. September 2018 Antworten

    Danke für diesen Text. Und diesen Song. Du sprichst mir damit aus der Seele. Auch wir hatten einen solch schwierigen Start und diese Unsicherheit hat auch mich lange begleitet. Aber dieses Song drückt alles aus was wichtig und wahr ist. Danke dafür!

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